Es gibt für mich in Kaub kaum etwas Schöneres, als nachts oberhalb des Ortes durch die Weinberge zu schlendern. Am Nachthimmel sieht man die Sterne, im Frühling schimmern die Blüten der Obstbäume. Man fühlt sich geborgen und gleichzeitig den Sternen näher.
Kurz vor Neujahr 2025 war ich bei meinem abendlichen Spaziergang und blickte hinunter auf den Ort, dabei in Gedanken an den Rheinübergang von Blücher in der Silvesternacht 1813/14.
Ich nahm die Vergangenheit wahr und gleichzeitig die Gegenwart – mit ihren neuen Kriegen und Konflikten:
Es war furchtbar kalt im Winter 1813/14. Schon Wochen vorher hatte Generalfeldmarschall Gebhard Leberecht von Blücher ein Heer von ca. 50.000 Soldaten der schlesischen Armee in die Region von Kaub beordert – allerdings versteckt in den Anhöhen und kleinen Ortschaften rund um Kaub, damit der Feind – die Franzosen – nicht gewarnt wurden. Ziel der Aktion war – nach dem Sieg über Napoleon in der Völkerschlacht von Leipzig (16. bis 19. Oktober 1813) – diesen über den Rhein bis nach Paris zu verfolgen und dort abzusetzen. Blücher selbst hatte sich offiziell nach Frankfurt zurückgezogen und überall verkünden lassen, Feste feiern zu wollen. So wurde der französische Geheimdienst beruhigt – Blücher schien in der Winterruhe zu sein.
Jedoch ganz im Gegenteil: Heimlich wurden von russischen Pionieren Pontonbrücken gefertigt, über die die Armee das linksrheinische Ufer erreichen sollte. Eine Pontonbrücke sollte über die Rheininsel der Burg Pfalzgrafenstein gebaut werden, damit Soldaten, Pferde und Ausrüstung ans andere Ufer gebracht werden konnten. Gebaut wurde diese von russischen Pionieren. Im Prinzip klappte alles auch ganz gut, nur hatten die Pioniere entgegen der Empfehlung der Kauber Schiffer russische Anker verwendet, die zu leicht waren und sich im felsigen Flussgrund nicht festhaken konnten.
Die Konsequenz war, dass die 2. Hälfte der Pontonbrücke von der Rheinströmung erfasst und fast weggeschwemmt wurde. Das Ganze nun mit Kauber Ankern zu stabilisieren, dauerte 1,5 Tage länger als geplant und dies wurde zum Drama für Kaub und den kleinen Ort Weisel.
Denn das Heer hatte sich mit Start des Brückenbaus von Weisel aus in Bewegung gesetzt. Nun standen an die 40.000 Männer in der bitteren Kälte wie die Sardinen auf einer Strecke von rund 5 km und es ging nicht voran. In ihrer Not verbrannten sie alles, was sie unterwegs fanden: Holztüren, Fenster, auch die Stecken in den Weinbergen und die Reben selbst. Plünderungen gingen damit einher. Zusätzlich steckten die Soldaten die Bevölkerung auch noch mit dem grassierenden Fleckfieber an, was allein in dem kleinen Ort Weisel ca. 30 Einwohnern das Leben kostete.
Das war die düstere Seite der später so gefeierten Heldentat.
Aber es gelang Blücher tatsächlich in nur fünf Tagen rund 50.000 Soldaten, 15.000 Pferde und 182 Geschütze der Schlesischen Armee über den Rhein zu bringen – mit minimalen Verlusten auf eigener Seite. Die französischen Wachen auf dem gegenüberliegenden Ufer – vermutlich vom Neujahrs-Champagner beseelt – wurden vollkommen überrascht, so dass es lediglich zu einem kleinen Schusswechsel kam.
Der Übergang von Kaub war aus preußischer Sicht Teil einer Erfolgsserie im Kampf gegen Napoleon. Im April 1814 wurde dieser nach Elba verbannt, wo er es jedoch nicht lange aushielt. Am 18. Juni 1815 kam es dann bei Waterloo zur entscheidenden Schlacht. Tatsächlich ermöglichte damals das Eingreifen von Blücher und seiner Armee den endgültigen Sieg über Napoleon.
Ich habe in letzten Wochen viel darüber nachgedacht, wie ich meine ambivalenten Gefühle in der Illustration wiedergeben sollte. Zum Einen faszinierte mich dieser Rheinübergang und die damit verbundene deutsche Geschichte, andererseits ist das damals neu entstehende deutsche Nationalgefühl mit Vorsicht zu betrachten und Kriege sind mir allgemein ein Gräuel. Auf meinem Bild habe ich einige Zahlen zu Toten aus bekannten Schlachten abgebildet. Allein für Waterloo werden über 53.000 gefallene Soldaten geschätzt. Bei der Völkerschlacht von Leipzig schätzt man ca. 90.000 Tote. Die Zahlen sind ungewiss, weil viele Soldaten auch durch Krankheiten umkamen. Von der Zivilbevölkerung ganz zu schweigen.
Mein Fazit: Historisch betrachtet „bringen“ Kriege meist nichts. Nur viele Tote, Verletzte und riesiges Leid.
Aber manchmal werden aus dem Elend auch Lehren gezogen. So verweise ich in meinem Bild am Horizont auf das Europa-Parlament in Straßburg, das nach vielen kleinen Einzelschritten 1958 gegründet wurde. Und auch wenn in Straßburg und Brüssel die Meinungen stark auseinandergehen und vieles nicht rund läuft, so ist es doch ein gutes Zeichen, dass ein Europa, das sich über Jahrhunderte in Kriegen zerfleischte, auch Gemeinschaft sein kann.
Zum Schluss kann ich den Besuch des Blücher-Museums sehr empfehlen. Ich finde, dass hier Gesellschaft
und Zeit rund um Blüchers Rheinübergang mit viel Empathie und Liebe zum Detail erlebbar gemacht werden. Als Lektüre kann man übrigens im Museum ein
sehr informatives Buch von Bruno Dreier, dem langjährigen, Leiter und Gestalter des Museums erwerben.
Meinen herzlichen Dank an das Museum!
