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Gespräche mit einem Lotsen

Mit dem ersten Dampfschiff, das 1824 bis nach Kaub kam – der „De Zeev“– begann eine rasante Entwicklung, die die bis dahin gemächliche Schifffahrt auf dem Rhein revolutionierte. Während der Industrialisierung wurden immer mehr Rohstoffe und Güter auf dem Rhein transportiert. Allerdings mussten alle die gefährliche Strecke von St. Goar nach Bingen passieren. 

Rechts Bildschirmfoto des Binger Lochs vor dem Ausbau in den 70ger Jahren, Filmsequenz im Schifffahrtsmusem Koblenz
Rechts Bildschirmfoto des Binger Lochs vor dem Ausbau in den 70ger Jahren, Filmsequenz im Schifffahrtsmusem Koblenz
Für das Thema der Losten am Mittelrhein habe ich eine Schautafel erstellt.
Für das Thema der Losten am Mittelrhein habe ich eine Schautafel erstellt.

Im Februar 26 kam es zu einem ersten Gespräch mit Heinz-Dieter Kimpel einem über 80jährigen Lotsen und Schiffsführer aus Kaub. Heinz-Dieter Kimpel stammt aus einer traditionellen Lotsenfamilie, schon Vater und Großvater waren Lotsen im Mittelrheintal.

Ausbildung: 1964 wurde er Schiffsjunge. Der Unterricht fand damals in Duisburg/Homberg statt, wo es ein Schulungsschiff für die Binnenschiffahrt gab. Hinzu kam die Praxis: rund drei Jahre fuhr Kimpel als Schiffsjunge auf Transportschiffen über den Rhein. Es folgte die Ausbildung zum Matrosen und Bootsmann, die wiederum 3 Jahre dauerte. Nach sieben Jahren bestand er die Prüfung zum Schiffsführer zunächst auf Schiffen ohne eigenen dann später mit eigenem Antrieb. Die Ausbildung zum Lotsen dauerte ein weiteres Jahr.

Während dieser Zeit mussten die Lotsenanwärter alle Felsen und Sandbänke auf der Strecke von Kaub nach Bingen bei jedem Wasserstand auswendig kennen. Insgesamt 82 Felsköpfe und Sandbänke wurden vor dem Rheinausbau bis 1976 verzeichnet. Später erwarb Kimpel noch das Radarschifferpatent sowie das Sprechfunkzeugnis. 

 

Die Arbeit der Lotsen beschreibt Kimpel wie folgt:

Die meisten Losten arbeiteten für bestimmte Reedereien. Wenn das Schiff einer Reederei in Koblenz losfuhr, warteten die Lotsen in Kaub bereits in ihren kleinen Schaluppen, um die Schiffe durch das Binger Loch zu navigieren. Allein das Besteigen der Raddampfer war für die Lotsen nicht ungefährlich, da sie in großer Nähe zum Schaufelrad andocken und von dort das riesige Transportschiff über eine Leiter besteigen mussten. An Bord unterstützten sie den Schiffsführer beim Navigieren. Später wurde das gefährliche Andocken durch die eigenen Lotsenversetzboote ersetzt.

 

Für die Rückfahrt von Bingen nach Kaub in den 50ger-Jahren hängten sich die Lotsen mit ihren Schaluppen an ein rheinabwärts fahrendes Schiff – auch dies nicht ungefährlich. Mit dem Ausbau der Automobilindustrie fuhren sie zunächst per Anhalter, dann in den 60ger-Jahren mit eigenen Lotsenbussen zurück. Für die Fahrten lösten die Lotsen kleine Fahrmarken ein, um die Bezahlung mit Bargeld zu vermeiden. 

Auf Grund der aufstrebenden Industrie war der Bedarf an Losten in den 60ger Jahren sehr hoch. An die 107 Lotsen waren in Kaub tätig.

Die Wirtschaft florierte in Kaub in den 60ger-Jahren, als man begann, den Rhein für die massiv angestiegene Schifffahrt schiffbarer zu machen.  Die gefährliche Passage am Binger Loch, wurde ausgebaut. 
Im Lauf weniger Jahre wurden zahlreiche Felsen bei Bingen gesprengt und die Fahrrinne auf die linke Rheinseite verlegt. 

Gleichzeitig entwickelte sich die Schifffahrtstechnik mit Dieselmotoren und Radar immer weiter, mit der Folge, dass immer mehr Schiffe ohne Navigationshilfe die Strecke St. Goar – Bingen passieren konnte. Innerhalb wenigerJahre wurden die Lotsen arbeitslos. 1988 wurde die Lotsenstation Kaub geschlossen. Lotsen waren übrigens Freiberufler – als ihre Einkommensquelle versiegte, gab es keine Unterstützung.

 

Was tun? Viele verdingten sich in den prosperierenden Chemiewerken im Rheingau. Für Heins-Dieter Kimpel war das nichts. Er arbeitete mehrere Jahre als Schiffsführer für eine Reederei und fuhr von Rotterdam bis nach Mannheim.

1982 übernahm er zunächst als Teilhaber die Fähre in Kaub. Für die sogenannte Querschifffahrt musste er wieder ein gesondertes Patent erwerben. 
2006 übernahm sein Sohn den Fährbetrieb. 

Heinz-Dieter Kimpel ist nun Rentner und trifft sich täglich mit den wenigen Lotsenkollegen aus seiner Zeit am Lotsenhäuschen, das sie liebevoll eingerichtet haben.


Ich danke Heinz-Dieter Kimpel für die vielen spannenden Gespräche und seine wache Freundlichkeit, die mir viel Freude bereitet hat.

Fazit: Wandel gestern und heute

Ich habe in dem Blog viel Erzählenswertes weggelassen, aber die Geschichte des Städtchens Kaub hat mich sehr berührt.
Wie gehen Menschen mit so umwälzenden Veränderungen um? Wie ist es, wenn innerhalb weniger Jahre alle wirtschaftlichen Säulen wegbrechen? Denn zum Ausbau des Binger Lochs kam 1971 die Schließung des Wilhelm-Erbstollens und damit das Ende des Dachschieferbergbaus in Kaub. Die Arbeiter hatten andere Verdienstmögichkeiten gefunden und auch die zahlreichen Weinausflüger aus dem Ruhrgebiet weg. Was bleibt?

 

Es gibt viel Liebenswertes in Kaub: z.B. der in Eigeninitiative geführte Orts-Laden „Tante Marion“, das Blücher-Museum, das Schiefermuseum, sowie das kleine Lotsenmuseum – alles private Initiativen von Menschen, die ihren Heimatort lieben.

Der Wandel begleitet uns ständig und irgendwie macht mir angesichts der gravierenden weltweiten Veränderungen der kleine Ort Kaub Mut.